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Laudatio anlässlich der Verleihung des „Großen Verdienstkreuz mit Stern“ an Regisseur Michael Haneke, Dezember 2019

17.12.2019 - Rede

Verehrte Frau Bundeskanzlerin, sehr geehrtes Ehepaar Haneke,

meine Damen und Herren,

was heute passiert, ist für Michael Haneke Routine.

Sie haben die höchsten Filmpreise gewonnen, vor allem natürlich die Palmen in Cannes, aber auch den Oskar. In der Welt der Orden sind Sie seit geraumer Zeit in der obersten Spielklasse beheimatet: die österreichische „Kurie“ und der deutsche „Pour le Mérite“ zählen Sie zu ihren Mitgliedern.

Ihre Routine wird auch dadurch belegt, dass Sie die Ehre, diese Laudatio zu halten, in die Hände eines blutigen Anfängers legen. Für mich ist es das erste Mal, das ich einen Orden überreiche. Vielen Dank!

Für mein erstes Mal hätte ich es nicht viel besser treffen können. Ich bin zwar weit davon entfernt, mich einen Cineasten nennen zu dürfen. Dennoch bin ich immerhin emotional vorbereitet: Manche der Filme, die ich von Michael Haneke kenne, haben auf mich einen derartigen Eindruck hinterlassen, dass ich sogar weiß, unter welchen Umständen ich sie sah.

Vor allem „Das Weiße Band“. Das war in einem Kino in Berlin. Mein Freund Christian sitzt lieber weiter hinten, es war also eine ungewohnte Sitzposition für mich. Der Zeitgenosse neben uns mampfte praktisch den ganzen Film lang Popcorn; egal in welcher Szene, in brutaler Monotonie. Für meinen Freund Christian war das offenbar noch unerträglicher als für mich, denn irgendwann platzte sein Kragen und er herrschte den Nachbarn an: „Kannst Du nicht wenigstens in dieser Szene aufhören zu fressen?“ Die Reaktion war erwartbar, zumindest in Berlin: „Guck doch zu Hause“, sagte der Nachbar, und griff in die Tüte.

Seit dem „Weißen Band“ bin ich bereit, für Kinos ohne Popcorn mehr Eintritt zu zahlen. Und so viel ist klar: Michael Haneke macht kein Popcorn-Kino. Ihre Arbeit und Ihr Werk ragen heraus in einer Filmlandschaft, die immer zerklüfteter und diffuser wird.

Gut möglich, dass die nächste „Nouvelle Vague“ sich in dieser Landschaft einfach verlaufen würde. Der junge Haneke verbrachte seine Studienzeit

eigentlich meistens im Kino, hat er erzählt, bis zu drei Filme am Tag habe er verschlungen. Heute wäre das einerseits viel einfacher. Mit Netflix und Amazon kann man sich Serien und Filme auf den Fernseher laden, oder unterwegs in der U-Bahn bei YouTube streamen. Andererseits kann man auch recht schnell die Übersicht verlieren, oder den Blick fürs Neue, Schöne, Aufregende.

Aber wie gesagt, Sie haben keinen Filmkritiker als Laudator, sondern einen Diplomaten. Zu dessen Handwerkszeug gehört zu allererst einmal die Sprache, und eine seiner Aufgaben ist die Analyse. Ich habe mir deswegen die Fragen gestellt, für was und warum wir Sie eigentlich ehren.

Die Fragen fangen bei der Berufsbezeichnung an. Der Orden „Pour le Mérite“ führt Sie als „Filmemacher“, aber Ihrer Einschätzung, dass das eigentlich ein ziemlich miserables Wort ist, kann ich wenig entgegensetzen. Mein Vater, wenn Sie die persönliche Bemerkung gestatten, war Werkzeugmacher, und auch für die filigranen Schleifarbeiten, die er an der Werkbank vornahm, wirkte das Wort „Macher“ schon ein bisschen klobig.

Das Etikett „Autorenfilmer“ hatten wir diskutiert, und auch das französische „Auteur“. Nun klingt Französisch in unseren germanischen Ohren oftmals eleganter, das Wort unterschlägt doch ein paar wichtige Facetten Ihres Tuns. Das Faszinierende an Ihrer künstlerischen Leistung scheint mir doch zu sein, dass Sie in einer zusehends industrialisierten, sprich arbeitsteiligen Filmwelt einen erfreulich langen Teil der Wertschöpfungskette selbst beherrschen, gewissermaßen vom Skript bis zur Klappe. Diese handwerkliche und künstlerische, gestalterische und organisatorische Breite ist, da bin ich mir sicher, die Grundlage dafür, dass Ihr Oeuvre eben unverwechselbar ist.

Im Film „Michael H.“ wird Ihre Arbeit ganz gut deutlich. Der Hauptdarsteller, also besagter Michael H., dreht eine kleine Rauferei zweier junger Männer auf der Straße. Nach der ersten Unterbrechung, die wir im Film sehen, stürmt er auf einen der beiden zu und sagt: „Das war sehr gut für den Anfang.“ Der Schauspieler weiß nicht, wie ihm geschieht und entgegnet, durchaus ungläubig lächelnd: „Anfang? Aber wir haben die Szene doch jetzt schon 20 Mal gedreht.“

Sie suchen die Perfektion. Und die Unerbittlichkeit, die Sie dabei an den Tag legen, ist für uns Zuschauer in jeder Szene spürbar, wenn auch weiß Gott nicht immer wohltuend. Das ermöglicht die Radikalität, die Ihre Filme ausmacht. Und

das führt vielleicht dazu, dass so viele Leute sich Ihre Filme anschauen, obwohl Sie wissen, dass Sie im Kino oft genug werden wegsehen müssen.

Womit wir bei der Frage nach dem Warum für diese Ehrung sind. Da habe ich einiges nachgelesen, was ich an Begründungen und Würdigungen auftreiben konnte. Sie haben fantastische Lobreden erfahren, da kann ich nur staunen. Aus meiner Sicht sicherlich am bemerkenswertesten ist diese etwas ältere Passage in den Unterlagen unserer Ministerialbürokratie. Demnach beeindruckt Michael Haneke durch seine „sehr erfolgreichen, anerkannten und einflussreichen Filme, die er häufig in Deutschland drehte und in denen er regelmäßig typisch deutsche Themen verarbeitet, große Reputation für die deutschsprachige Filmkunst erworben und gleichzeitig zur internationalen Verbreitung der deutschen Sprache beigetragen hat“. Viermal Deutsch in einem Satz, das muss man erstmal hinkriegen.

Die Frage nach dem deutschen Bezug treibt mich besonders um, das dürfte sie nicht wundern. Ich könnte Richard Wagners berühmten Satz zitieren, wonach Deutschsein sinngemäß heißt, eine Sache um ihrer selbst willen zu tun, und das könnte ich irgendwie als L´art pour l´art charakterisieren. Im Rückschluss auf das oben Gesagte wären Sie somit ein herausragender Künstler im umfassend deutschen Sinne - und damit wäre diese Laudatio am Ende.

Aber so leicht kommen Sie mir nicht davon. Wie relevant ist die Frage nach dem deutschen Element in Ihrem Schaffen überhaupt? Sie ist es natürlich für eine deutsche Ordensbegründung, im technischen Sinne. Aber eigentlich befinden wir uns doch längst in einem anderen Spiel, und das berührt die Belange der Kultur genauso wie die der Diplomatie.

Zwar bin ich als Botschafter der Bundesrepublik Deutschland hier, um die Interessen meines Landes und seiner Bürgerinnen zu wahren. Und ich soll die Beziehungen zwischen Deutschland und Österreich pflegen und vertiefen.

Aber ich habe noch eine dritte Aufgabe, und die gewinnt an Relevanz. Es geht darum, unsere gemeinsame Sache zu befördern, und das ist die Stärkung Europas – nicht im Wagnerschen Sinne um ihrer selbst willen, sondern als dem einzigen erfolgversprechenden Weg, in der zusehends rauen Welt draußen unsere europäische Lebensweise zu wahren. Vielleicht sollten wir lieber von der Notwendigkeit unserer europäischen Selbstbehauptung sprechen, damit

allen klar wird: Das ist eine ernste Sache, und wir brauchen dafür die Energie und Hingabe aller Beteiligten. Aber damit Europa nach außen stärker wird, muss es im Innern auch seine Schwächen erkennen.

Als ich mich auf diesen Abend vorbereitete, fiel mir ein kleines Suhrkamp-Bändchen ein, das mir ein Freund vor einem Jahr geschenkt hatte. Der französische Philosoph und Sinologe Francois Jullien hat es geschrieben, es trägt den etwas sperrigen Titel: „Es gibt keine kulturelle Identität. Wir verteidigen die Ressourcen einer Kultur“.

Jullien befasst sich mit einer Frage, die Europa so zusetzt wie wenige andere: der nach der Identität. Sind wir christlich oder laizistisch, sind wir europäisch oder national? Diese Debatten, so Jullien, seien aufgerissen worden, als wir vor gut 15 Jahren in der Europäischen Verfassung eine Verständigung über eben diese europäische Identität in einer Präambel schriftlich festlegen wollten. Das endete bekanntlich im Streit, später wurde die gesamte Verfassung abgelehnt, und seitdem hat Europa zwar viel erreicht, aber manche Fragen rund um unsere Identität stehen weiter im Raum.

Jullien entwickelt in seinem Buch, ganz kurz, ein Gedankengebäude, in dem mehr über produktive Spannungen geredet wird, die aus dem Miteinander verschiedener Kulturen entstehen, und in dem stärker die Ressourcen genutzt werden, die sich aus Europas Vielfalt ergeben. Einheitliche Identitäten von Gruppen, Nationen oder gar Europas zu suchen, so Jullien in meinen Worten, führt eigentlich zu nichts. Europa ist eben christlich und laizistisch, national und europäisch und so weiter.

Lieber Herr Haneke, in meinen Augen tun Sie das, was Jullien fordert, seit Jahrzehnten, und mit sicherem Instinkt. Sie nutzen Spannungen produktiv und provokant, Ihre Fokussierung auf den Menschen unterläuft die angeblichen Identitäten von Gruppen. Als europäischer Künstler schöpfen Sie aus dem Vollen der europäischen Vielfalt. Die Selbstverständlichkeit, mit der Sie als Österreicher deutsche und französische Filme drehen, lässt diese beiden Adjektive beinahe witzlos erscheinen.

Es geht mir hier nicht um den Inhalt oder die Wirkung Ihres Werkes, sondern um die Grundierung. Ihre Kunst verkörpert den Esprit einer europäischen

Selbstverständlichkeit. Vielleicht brauchen wir genau das, um im Kampf um unsere Selbstbehauptung nicht an uns selbst zu verzweifeln.

Lieber Herr Haneke, dafür gebührt Ihnen diese Auszeichnung ganz besonders. Vielleicht auch umso mehr, als Sie wohl ein wenig gegen den Zeitgeist geht. In Berlin ist eine gewisse Neigung zu erkennen, insbesondere jüngere Menschen mit dem Bundesverdienstkreuz auszuzeichnen, und vielleicht auch vermehrt weibliche Kandidaten, was angesichts der Statistik nachvollziehbar erscheint.

Was Sie auch wissen sollten: Übers Wochenende habe ich via Twitter meine Follower tippen lassen, welchem „sehr bemerkenswerten Österreicher“ ich heute den zweithöchsten Orden der Bundesrepublik Deutschland überreichen würde. Zur Wahl standen Paul Lendvai, Klaus Maria Brandauer, Hans Krankl und natürlich Sie. Sie belegten einen ausgezeichneten vierten Platz, direkt hinter Krankl.

Als „Filmemacher“ sind Sie eben ein Antipode des Popcorn-Kinos, mit allen Konsequenzen. Ich bin stolz und froh, Ihnen gleich das „Große Verdienstkreuz mit Stern“ der Bundesrepublik Deutschland überreichen zu dürfen.

Vielen Dank!

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