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Rede anlässlich der Übergabe des „Bundesverdienstkreuzes am Bande“ an den langjährigen Direktor des Wiener Leopold Museums, Mag. Hans-Peter Wipplinger, September 2020

17.09.2020 - Rede

Lieber Herr Magister Wipplinger, sehr geehrter Herr Dr. Ostermayer, meine Damen und Herren,

dass wir uns unter ungewöhnlichen Umständen treffen, muss ich angesichts des Fackelscheins und der Baldachine nicht eigens erwähnen. Das Fenster der Gelegenheit für gesellschaftliche und gesellige Veranstaltungen, das sich nach der Coronakrise wieder geöffnet hatte, scheint sich langsam wieder zu schließen. Um dagegen anzugehen, wollen auch wir heute Abend unser Möglichstes tun, um Geselligkeit und Vorsicht in einer erträglichen und vergnüglichen Balance zu halten. Bitte helfen Sie uns dabei.

Ich habe Sie in meine Residenz geladen, um Herrn Wipplinger zu ehren und zu feiern. Als ich ihm meine Absicht und die dahinter liegenden Gründe erläuterte – die Verleihung des Bundesverdienstkreuzes -, reagierte er auf ungewöhnliche Weise. Er sagte nicht etwa: Na, das wurde aber auch Zeit. Nein, er fragte, womit er das verdient habe. Meine Damen und Herren, ich kann Ihnen aus eigener Erfahrung versichern: So viel Bescheidenheit ist in Ordensfragen keine Selbstverständlichkeit und damit fast eine Auszeichnung wert.

Ich gebe zu: Ich konnte trotzdem der Versuchung nicht widerstehen, Herrn Wipplinger ein wenig schmoren zu lassen und bin ihm die Begründung bis heute schuldig geblieben. Aber eigentlich liegt sie auf der Hand. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hat Ihnen das Verdienstkreuz am Bande verliehen, weil Sie sich um den kulturellen Austausch zwischen Deutschland und Österreich in besonderer Weise verdient gemacht haben. Ich will die Stationen Ihres Wirkens auf beiden Seiten der Grenze nicht ausführen, dafür ist der geschätzte Laudator der Richtigere.

Aber lassen Sie mich kurz über den Wert Ihrer Arbeit für Deutschland, Österreich und Europa reden. Wir befinden uns in einer weltpolitischen Umbruchphase. Nicht nur der Umgang mit der Coronakrise lässt uns in manchen Abgrund schauen, auch vorher haben unsere Wirtschafts- und Gesellschaftsmodelle gewisse Ermüdungserscheinungen gezeigt. Der Aufstieg selbstbewusster autoritärer Staaten und die Schwächung mancher erprobter Verbündeter tarieren die Machtverhältnisse global neu.

Das betrifft auch uns in Europa. Ich bin überzeugt: Die EU ist das großartigste Projekt zur Sicherung von Frieden und Freiheit, Demokratie und Wohlstand in der Geschichte. Dennoch sollten wir uns nicht täuschen: Seit 15 Jahren bewegt sie sich von einer Krise zur nächsten, und wir sind uns nicht mehr sicher, dass sie durch deren Bewältigung stärker wird. Wenn die EU eine Decke wäre, würden wir uns fragen: Schützt und wärmt sie hinreichend, oder wird sie fadenscheinig, ist sie zu kurz gar, egal wohin man sie streckt?

Im Streit um diese Decke wird der Ton rauer, die Zieh- und Fliehkräfte nehmen zu, die Bereitschaft zu Kompromissen schwindet. Und gerade deshalb kommt es darauf an, dass wir miteinander im Gespräch bleiben, das wir den Austausch suchen, die Verständigung über das, was uns ausmacht, was wir wollen, was uns ärgert. Aber wo findet dieser Austausch statt?

Um im Bild der Decke zu bleiben: Er findet an den Nahtstellen unserer Nachbarschaft statt. Zwischen den Nationen, den Regionen, den Menschen. Zwischen Passau und Linz, zwischen Bayern und Tirol, zwischen Deutschland und Österreich. Was verbindet uns, was trennt uns?

Sie, Herr Wipplinger, machen sich seit Jahrzehnten an den Nahtstellen unserer Nachbarschaft zu schaffen. Im großen Reich der Kunst schaffen Sie die Plattformen und Anlässe für Austausch und Reibung, für das Erkennen von Ähnlichkeiten und Unterschieden.  Die Unterschiede sind übrigens nicht unbedingt das, was uns trennt, sondern das was in produktiver Weise unsere Vielfalt ausmacht, unseren Reichtum und die Kraft unsere Kontinents, wirtschaftlich, politisch, und vor allem auch kulturell.

Die Vermittlung deutscher Kunst in Österreich lag Ihnen immer am Herzen, hier nehmen Sie eine absolute Schlüsselrolle in der österreichischen und vor allem Wiener Kultur- und Museumslandschaft ein. Und so ist es mir eine ganz besondere Freude, Ihnen heute das Verdienstkreuz am Bande der Bundesrepublik Deutschland zu überreichen.

Aber vorher möchte ich Herrn Minister a.D. Ostermayer das Wort erteilen. Als langjähriger Taktgeber der österreichischen Kulturpolitik, und als Vorstandsvorsitzender der Leopold-Stiftung sind Sie berufen wie kein zweiter, das Wirken und die Erfolge ins rechte Licht zu stellen. Wir freuen uns auf Ihre Laudatio!

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