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Das ehemalige Palais der Deutschen Botschaft

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Eingangstor der Botschafterresidenz in der Reisnerstrasse
Deutsche Botschaft Wien© Bundesarchiv Koblenz, Bild 183-S24607

Mit dem Fall der Basteien schien in Wien alles neu zu werden. Nichts konnte sich dem ungeheuren Sog eines nie gekannten Wirtschaftsaufschwunges und rasanter technischer Entwicklung entziehen. Und so war es nicht verwunderlich, daß sich auch die ausländischen Mächte an diesem Rausch des Neuschaffens beteiligten. Auch sie wollten mit ihren Vertretungen in der Reichshaupt- und Residenzstadt architektonisch Akzente setzen. Die Auflassung des großen Metternichschen Parks und seine Umwidmung als Bauland boten dazu die Gelegenheit. Vornehmlich das erst 1871 neugeschaffene Deutsche Reich, dessen Gründung durch die Verdrängung Österreichs aus Deutschland möglich wurde, wollte sich in der Hauptstadt von Europas ältester Dynastie eine beeindruckende Repräsentanz schaffen. 1877 bis 1879 entstand auf dem Areal Metternichgasse Nr. 3 – Richardgasse (heute Jaurèsgasse) und Reisnerstraße zwischen der britischen und der russischen Botschaft das deutsche Botschaftspalais.

Für die Fassade wählte Architekt Viktor Rumpelmeyer den Stil der italienischen Renaissance mit französischen Anklängen. Das Gebäude war gegen alle drei Straßenseiten hin zurückversetzt. Der gewonnene Raum wurde als Ziergarten genützt. Von der Haupteinfahrt in der Metternichgasse gelangte man über eine gedeckte Unterfahrt und anschließend über das großzügig angelegte Treppenhaus in die Repräsentationsräume im ersten Stock. Sie waren im Wiener Barockstil ausgestaltet, das in seiner abgeklärt weichen Noblesse einen merkwürdigen Gegensatz bildete zu dem später hier angebrachten Riesengemälde von Kaiser Wilhelm II, das ihn mit typisch matrialisch-parvenuhafter Gebärde darstellte.1879 war das Botschaftspalais bezugsfertig – ein für beide Reiche schicksalhaftes Jahr. Der damals zwischen Wien und Berlin geschlossene Zweibund (mit Italien später auf den Dreibund erweitert) wurde immer wieder verlängert, bis er Habsburg und Hohenzollern Seite an Seite in den Ersten Weltkrieg und damit in ihren Untergang riß.

1889 sollte das Botschaftspalais Schauplatz eines denkwürdigen Abends werden. Es war der 27. Jänner, Geburtstag Kaiser Wilhelms II. Botschafter Prinz Heinrich VII. Reuß lud aus diesem Anlaß alles, was in Wien Rang und Namen hatte, zu einer glanzvollen Soirée. Um die besonders guten Beziehungen zu Deutschland und seinem erst wenige Monate regierenden Herrscher zu unterstreichen, erschien sogar Kaiser Franz Joseph in der Uniform seines preußischen Garderegiments in Begleitung zahlreicher Mitglieder des Kaiserhauses. Auch das Kronprinzenpaar war gekommen. Rudolf kostete dies einige Überwindung. Ihm war die preußische Ulanenuniform, die auch er laut Protokoll hatte anlegen müssen, ebenso zuwider wie der gefeierte Wilhelm. Niemand der Anwesenden konnte ahnen, daß es der letzte offizielle Auftritt des Kronprinzen sein sollte – bis auf eine Ausnahme: Mary Vetsera. Sie war zusammen mit ihrer Mutter Baronin Helene Vetsera und ihrer Schwester Hanna zu der Soirée gekommen. Neben der Kronprinzessin zog auch die 17jährige Baroneß die Blicke auf sich. Ihre Beziehung zu Rudolf war verschiedentlich durchgesickert. So mancher Geladenen versuchte, aus dem Verhalten der beiden etwas abzulesen, was den Gesellschaftsklatsch bestätigen konnte. Doch Rudolf unterhielt sich mit Mary nicht länger als mit anderen Damen. Bewunderung und Mißgunst schlugen dem Mädchen mehr oder minder offen entgegen. Die Schwester Kronprinzessin Stephanies, Luise Coburg, beargwöhnte „diese Verführerin, die uns mit brennenden Augen fixierte. Es bedarf nicht vieler Worte, um sie zu schildern; dort stand sie, strahlend wie eine Königin, die keine Rivalin fürchtete, so leuchtend und triumphierend schien ihre Schönheit; ihr Blick aus wundervollen, schwarzen Augen und ihre ganze sinnliche Grazie waren sich ihrer Macht bewußt.“

Niemand wußte, daß das 17jährige Mädchen im ärmellosen hellblauen Abendkleid und einem Diamanthalbmond im dunklen Haar bereits mit dem Kronprinzen vereinbart hatte, gemeinsam mit ihm aus dem Leben zu scheiden. Drei Tage später sollten die Schüsse von Mayerling die Monarchie in ihren Grundfesten erschüttern.

Dnach wollten viele, die diese Soirée miterlebt hatten (aber auch solche, die sie nur aus Erzählungen kannten) an diesem Abend bereits alarmierende Anzeichen beobachtet haben, die auf die bevorstehende Thronprinzen-Tragödie hingedeutet hätten. Da war die Rede von einer schweren Brüskierung Rudolfs durch seinen Vater, einem lautstarken Wortwechsel zwischen Rudolf und Stephanie beim Verlassen der Botschaft auf der Stiege und einer Herausforderung der Kronprinzessin durch Mary Vetsera. Solche Berichte mit ihrem sensationslüsternen Gehalt dürften wohl in erster Linie verbreitet worden sein, um die Personen, von denen sie stammen, interessant und wichtig erscheinen zu lassen. Absolut sicher ist nur eines: Mary verlor an diesem Abend einen Saphir aus dem Armband, das Rudolf ihr geschenkt hatte. Der Stein wurde am nächsten Tag gefunden und in das nahegelegene Palais Vetsera gebracht. Zu diesem Zeitpunkt befand sich Mary allerdings bereits auf dem Weg nach Mayerling …

1894 ernannte Wilhelm II. seinen Intimfreund Philipp Graf (seit 1900 Fürst) Eulenberg-Hertefeld zum Botschafter in Wien. Auf ihn war Kaiser Franz Joseph eifersüchtig, weil zwischen dem eleganten Diplomaten und Katharina Schratt ebenfalls ein freundschaftlicher Kontakt bestand. „Der Botschafter ist sehr aimable, viel geistreicher und amüsanter als ich und wird mich nur zu bald in Ihrem Herzen verdrängt haben. So werde ich beständig von schwarzen Gedanken verfolgt und es ist höchste Zeit, daß Sie mich wieder selbst beruhigen, daß ich wieder in Ihre lieben klaren Augen sehe …“, schrieb der Kaiser 1896 an die „Gnädige Frau“.

Im Krisensommer 1914 war das Botschaftspalais, in dem seit 1907 Heinrich von Tschirschky Hausherr war, eine der Schaltstellen für die diplomatischen Absprachen zwischen Wien und Berlin. Die Automatik der Bündnissysteme führte direkt in den Ersten Weltkrieg. Im Garten der Botschaft standen zwei Plastiken, die allegorisch „Sieg“ und „Frieden“ darstellten. Der von den deutschen Militärs angestrebte „Siegfrieden“ ging über die Kräfte der Mittelmächte. 1919 verließ Botschafter Botho Graf Wedel Wien, das nun nicht mehr Reichshaupt- und Residenzstadt war. Kurze Zeit schien es so, daß künftig eine deutsche Botschaft in Wien gar nicht mehr nötig wäre. Doch der von der deutsch-österreichischen Nationalversammlung gebilligte Anschluß an die deutsche Republik scheiterte am Widerstand der Siegermächte in Paris. Österreich mußte unabhängig bleiben, was von der Mehrzahl der Bevölkerung und der politischen Kräfte wie eine Verdammnis empfunden wurde. Deutschland blieb weiterhin in Wien vertreten, wenngleich die Mission nur mehr den Rang einer Gesandtschaft einnahm. Die Zeiten, da zwischen Wien und Berlin Weltpolitik betrieben wurde, waren endgültig Geschichte. Die geschwächte Großmacht und der Kleinstaat ohne Selbstvertrauen vermochten 1931 nicht einmal eine Zollunion zu schließen.

Eine gründliche Wandlung der Verhältnisse trat dann mit dem Fall der Demokratie in beiden Staaten 1933 ein. Der Antagonismus zwischen den Regimen Hitler und Dollfuß schuf eine zum Zerreißen gespannte Atmosphäüre, die sich im mißglückten Putschversuch der österreichischen Nationalsozialisten mit der Ermordnung von Bundeskanzler Dollfuß entlud. Hitler schlug von da an einen andere Weg ein, um zu seinem Ziel zu gelangen. Er entsandte den katholischen und konservativen Franz von Papen nach Wien, Papen hatte die Aufgabe, den Anschluß, der sich nicht durch handstreichartige Gewaltanwendung verwirklichen ließ, nun schrittweise und „diplomatisch“ vorzubereiten. Die zunehmende außenpolitische Isolierung Österreichs und der geringe Rückhalt der Regierung Schuschnigg im Inneren bewirkten, daß alles wie nach Plan verlief. 1937 besuchte der deutsche Reichsaußenminister Konstantin Freiherr von Neurath Wien. Ein politisch schon todgeweihter Bundeskanzler Schuschnigg erschien zu dem Empfang in der Metternichgasse. (Seit 1936 wieder im Rang einer Botschaft). Wenige Monate später machte der Anschluß eine deutsche Botschaft in Wien überflüssig.

Das Palais erhielt eine neue Funktion – als Offiziersheim. Im letzten Kriegsjahr wurde der Bau, der in unserem Jahrhundert nach Plänen des weltberühmten Wiener Architekten Josef Hoffmann neu adaptiert worden war, durch Bomben schwer beschädigt. Im noch verwendbaren Teil richtete die Wiener Landesregierung nach dem Krieg ein Büro der Kriegsgefangenen-Fürsorge ein. 1958 erfolgte schließlich die Abtragung des gesamten Gebäudekomplexes, um für den Neubau der Botschaft der Bundesrepublik Deutschland (1963 bis 1965) Platz zu machen.

Beide Bauten wirken symbolhaft: Das verschwundene Palais als Sinnbild für den Untergang des alten Deutschland in seiner politischen und geistigen Dimension, der Neubau als „Beton“ gewordener Ausdruck des westlichen deutschen Nachfolgestaates mit dem weitgehenden Verlust seiner historischen Kontinuität.

Vorstehender Text wurde dem Band „Verlorenes Wien. Adelspaläste vergangener Tage“ von Edgard Haider, erschienen im Böhlau Verlag 1984, S. 120-123, entnommen und wird hier mit freundlicher Genehmigung des Verlages wiedergegeben.


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